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Veröffentlicht am 10.02.2020 | von Andreas Peters

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ÁSGEIR – Bury The Moon

I won’t forget the years when boundless love and joy
lived in our young hearts and smiled inside our chests
this world that we created i’ll never forget
Do you recall the things that used to give us joy?
When our imagination could take us anywhere
appearing in my mind now pictures from the past

(Ásgeir – Youth)

Foto © Anna Maggie

Das Bild ist bekannt: Ein introvertierter Künstler zieht sich nach einem persönlichen Scheitern in eine selbst gewählte Isolation inmitten der Natur zurück, um sich in den Weiten der Landschaft zu verlieren, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen und neue Musik zu komponieren. Bon Iver hat durch diesem Ansatz mit For Emma, Forever Ago,zumindest in der musikalischen Indieszene, quasi Legendenstatus erreicht. Auch für den isländischen Singer-Songwriter Ásgeir,der das internationale Publikum bereits mit den ersten beiden Alben In The Silence und Afterglow in den Bann melancholisch-mystischer Folk-Landschaften ziehen konnte, war diese Erfahrung in der Natur richtungsweisend für die Entstehung seines dritten Werks Bury The Moon. Nur mit seiner Gitarre, einem kleinen Keyboard und einem einfachen Aufnahmegerät ausgestattet, verbrachte er einen Winter in einer Hütte im isländischen Nirgendwo damit, neue Liedern zu kreieren. Das Ergebnis ist ein einfühlsames Album voller Sehnsucht und rauer Unvollkommenheit, das sich als das persönlichste und gereifteste Werk des introvertierten Isländers präsentiert.

Klanglich ist das Album klar geprägt durch einen für Ásgeir typisch folkigen Sound, der mit warmen Gitarren- und Klavierelementen und einer meist zurückhaltenden Rhythmussektion Ásgeirs zartes Falsetto in den Vordergrund der Songs stellt. Der zweite Track Youth etwa beginnt lediglich mit ein paar gezupften Gitarrenakkorden, während uns eine gefühlvoll getragene Gesangsstimme in die nostalgischen Weiten der Vergangenheit des Künstlers entführt, die auf dem Höhepunkt ihrer Introspektion in ein von Blasinstrumenten gestärktes Crescendo aufgeht. Durch Zurückhaltung ist auch das folgende Breathe geprägt, eine hingebungsvolle Ballade, in der die Verschmelzung von Individuum und Natur besonders zum Vorschein kommt: „Shivering stars drift around in the sky / I lie calm under their watchful eyes“. Die Einsamkeit des Künstlers wird hier nur allzu deutlich. Zugleich ist es auch die für ihn fühlbare Geborgenheit durch das Artikulieren seiner Gefühlszustände, die hier durch den Song hindurch für uns erlebbar gemacht werden. 

Doch es sind nicht nur folkig-minimalistische Versenkungen, in die uns Ásgeir auf Bury The Moon mitnimmt. Songs wie Lazy Giants oder Living Water klingen dann wieder deutlich poppiger und sind weniger von einem Gitarrensound dominiert, als dass sie mehr rhythmusorientiertes Liedmaterial in atmosphärischen und von Synthesizern dominierte Klangwelten aufgehen lassen. Diese Fähigkeit, seine eigenen Grenzen gekonnt zu verschieben, ohne dabei jedoch seine Qualitäten aufs Spiel zu setzen zeigen dann schließlich von elektronischen Versatzstücken gespickte Songs wie Until Daybreak oder das sphärisch-beatlastige Bury The Moon, auf denen Ásgeir dann schließlich am Rande von kurzen Auto-Tune-Ausflügen sein ganzes experimentelles Potenzial umarmt. James Blake grüßt aus der Ferne.

In der Summe präsentiert sich Bury The Moon als ein von Anfang bis Ende beeindruckendes Werk, welches als das bisher opulenteste des enigmatischen isländischen Künstlers gelten kann. Sowohl in seiner isländischen Muttersprache unter dem Titel Sátt, als auch gemeinsam mit dem  amerikanischen Songwriter John Grant auf Englisch für den internationalen Markt veröffentlicht, nimmt uns Ásgeir hier auf eine einfühlsame Reise in sein Inneres mit. Dieses spiegelt in seiner Fragilität immer zugleich auch die rauen und zerklüfteten Räume des isländischen Naturraums wider und ist der Antrieb für ein ganzes Spektrum gefühlsbetonter, eingängiger und bis zuletzt klanglich ausgereifter Stücke. „Ich wollte ein ganz einfaches Album schreiben, eins, das nicht zu viel vorgibt oder nachdenkt. Es sollte einfach nur aus den Songs bestehen, ohne viel Drumherum“, betont Ásgeir, angesprochen auf das Album. So befreit von aller Raffinesse klingt das dann am Ende gar nicht mal. Aber einfach wunderschön und absolut hörenswert.

Ásgeir – Bury The Moon
VÖ: 7. Februar 2020, One Little Indian
https://www.asgeirmusic.com
https://www.facebook.com/asgeirmusic/

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