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Veröffentlicht am 23.04.2020 | von Elias Ott

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IAN CHANG – 属 Belonging


Foto-© Tony Chang

Auch wem der Name Ian Chang zunächst nichts sagen mag – wer mit Son Lux‘ Easy gelitten, Moses Sumneys Lamentations gelauscht oder Joan As Police Woman live erlebt hat, ist mit dem Drummer schon in Berührung gekommen. Mit turbulenten Zeiten – Chang tourt außerdem noch mit seiner Band Fairlady – kennt sich der vielbeschäftigte Musiker jedenfalls aus. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, mit 属 Belonging seiner 2017 erschienenen EP Spiritual Leader jetzt ein Solo-Debüt in voller Länge folgen zu lassen.

Wie schon auf seiner EP erweitert Chang die klassischen Klangfarben seines Instruments mit einem modifizierten Drumset: sein Schlagzeug ist zugleich ein komplexer MIDI-Controller und löst – vom Trommelfell bis zum Rim – verschiedene Samples aus. Im Gegensatz zu den einprogrammierten Rhythmen, die das Genre für üblich dominieren, befreit dieser Ansatz elektronische Musik von ihrem starren Raster. Nicht immer ist dabei klar, welche Spuren programmiert, welche Parts live eingespielt sind – so oder so: wer die entstandene Mixtur beschreiben will, kommt um das Wort „organisch“ nicht herum. Der Mikrokosmos, den schon der Opener 舞狮 Lion Dance mit seinen treibenden Polyrhythmen suggeriert, entfaltet sich unter stetigen Atembewegungen immer wieder neu. Näher an Björks Gesamtkunstwerken als an den vertrackten Jazz-Beats eines Flying Lotus, setzt sich Changs Sound auch von der großen Geste seiner Arbeiten mit Son Lux ab, ohne dabei an Wucht einzubüßen.

Spielte er seine erste Veröffentlichung noch vollständig live ein, erweitert er die Songs auf 属 Belonging nun Schicht um Schicht. Gut hörbar ist das spätestens auf Food Court, durch das sich ein tiefer Bassloop schiebt, während in den höheren Lagen Arpeggios schwirren. Dort zeigt sich auch, dass der organische Charakter des Albums nicht nur ein Produkt von Changs Schlagzeugspiel, sondern auch der Samplewahl ist: der Bass imitiert tief gestrichene Cello-Saiten, auf Zoetrope kriechen die Spuren rückwärts und 醉罗汉 Drunken Fist kehrt, ohne dabei mit dem Gesamtsound zu brechen, zu traditionellen Saiten-Instrumenten zurück.

„Ein Album für diejenigen, die eine Heimat im Heimatlos-Sein gefunden haben“, nennt Chang sein Debüt, der nach Jahren in Hong Kong und New York inzwischen in Dallas, Texas lebt. Nicht nur die fragmentarischen Beats spiegeln Brüche und Neuanfänge, auch ganze Songs sind bisweilen in zwei Hälften geteilt: Teem erinnert mit freakigem Fiepen zunächst an Großmeister Aphex Twins Selected Ambient Works und wechselt dann zu wuchtigen Beats, die ebensogut die Grundlage für die verstörenden Vocals von Death Grips‘ MC Ride bilden könnten.

Während die HörerInnen auf diese Kollaboration vorerst noch verzichten müssen, räumen die vertrackten Beats auf den drei Features jeweils das Feld für Hanna Benn, KAZU (von Blonde Redhead) und Kiah Victoria: 雀舌 Bird’s Tongue (feat. Hanna Benn) holt mit gospelartigen Chören weit aus, die von künstlichem Saitenspiel umschwirrt werden; Audacious (feat. KAZU) bietet wuchtigen, gradlinigen Pop und Comfort Me (feat. Kiah Victoria) jazzy R’n’B Gesang auf galoppierendem Beat. Gerade die letzen beiden Tracks wirken im Vergleich zu Changs Soloarbeiten eher konventionell. Während jedoch die Stimmen von Benn und KAZU den letztlich minimalistischen Songs die ein oder andere vermisste Klangfarbe hinzufügen, fällt das leichtgängige Comfort Me insgesamt ein wenig aus dem Rahmen.

Nichtsdestotrotz schickt sich Ian Chang mit seinem Solo-Debüt an, sich nicht nur als versierter Drummer, sondern auch als innovativer Produzent einen Namen zu machen. Vielleicht hilft die Freude an 属 Belonging, in diesen Zeiten auch Zugehörigkeit im erzwungenen Zuhause zu finden.

Ian Chang – 属 Belonging
VÖ: 24. April 2020 (digital) / 29. Mai 2020 (physisch), City Slang
www.ianchangmusic.com
www.facebook.com/ianyhchang

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