Kritik

Veröffentlicht am 15.04.2020 | von Malte Triesch

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THE FAREWELL – Filmkritik

It’s been too long since we’ve all been together like this.

(Nai Nai – The Farewell)

Billi (Awkwafina) wanderte in jungen Jahren gemeinsam mit ihren Eltern von China in die USA aus. Obwohl sie den Großteil ihrer Kindheit und ihr ganzes Erwachsenenleben dort verbracht hat, fühlt sie sich im Herzen der alten Heimat, besonders ihrer Großmutter Nai Nai (Shuzhen Zhao), sehr verbunden. Eben diese letzte Verbindung droht zu zerreißen, da Nai Nai unheilbar an Krebs erkrankt. Die über China, Japan und die USA verstreute Familie beschließt daraufhin erstmalig wieder in China zusammenzukommen, um Abschied zu nehmen. Als Vorwand hierfür wird kurzfristig eine Hochzeit zwischen Enkel Hao Hao (Han Chen) und seiner neuen japanischen Freundin Aiko (Aoi Mizuhara) anberaumt. Denn wie in China üblich plant die Familie der Krebskranken nichts von ihrer Krankheit zu erzählen, um ihr so lange wie möglich die Lebensfreude zu lassen. Billi muss sich somit entscheiden die Tradition zu wahren oder ihrer geliebten Nai Nai die Diagnose zu offenbaren.

The Farewell beginnt mit der Tagline „Based on an Actual Lie“. Denn zu großen Teilen basiert die Geschichte auf der Beziehung zwischen Regisseurin Lulu Wang und ihrer Großmutter. Die Verschwiegenheit der realen Familie ging dabei sogar soweit, dass Nai Nais jüngere Schwester, die sich im Film selbst spielt, der Großmutter sogar während der Dreharbeiten nicht erzählt hat, was es denn genau für ein Film ist, an dem sie mitwirkt. Auch wenn die Prämisse des Films aus westlicher Sicht unglaubwürdig erscheint, sollten somit alle potentiellen Zweifel an der Authentizität des Films ausgeräumt sein. Diese werden jedoch ob der großartigen schauspielerischen Leistung, allen voran der spätestens seit Crazy Rich Asians (2018) international gefeierten Awkwafina und der bisher „nur“ im chinesischen Theater bekannten Shuzhen Zhao, gar nicht erst aufkommen. Zhao in der Dualität als liebenswerteste Oma und resolutes Familienoberhaupt sowie Awkwafina, befangen zwischen ihrer Rolle als resolute, selbstbewusste junge Frau, liebende Enkelin und „Fish out of Water“ in der vertrauten und doch fremden Heimat auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, überzeugen auf ganzer Linie. Völlig deplatziert und ob der Sprachbarriere komplett ahnungslos hängt dazwischen immer wieder Aoi Mizuharas Aiko, die junge Braut in spe. So wird gekonnt zwischen facettenreicher Schauspielkunst auf höchsten Niveau von der beiden Leading Ladys durch das völlig planlose Brautpaar gebrochen. Diese Szenen sind es, die den Film immer wieder mit herrlich absurdem Humor auflockern. Genau diesen sollte man bei einem so ernsten Thema im Film, wie im echten Leben, nie verlieren.

Inszenatorisch besticht zunächst der bildgewaltig Einstieg in „die Fremde“. Wer schon einmal über den Shanghai Pudong International Airport eingereist ist, wird die Bilder der ewigen Taxifahrt widererkennen. Wo in Deutschland vereinzelt identische Reihenhäuser zu sehen sind, tun sich hier links und rechts der Autobahn ganze Siedlungen identischer Wolkenkratzer auf und man taucht ein in eine komplett andere und zunächst völlig absurd erscheinende Welt. Dort angekommen ist der Fokus der Handlung das familiäre Drama, in dem wie in wohl den meisten Familien unterschiedlichste Charaktere aufeinanderprallen und sich zusammenraufen müssen. Verstärkt hier durch die unterschiedlichen kulturellen Grundsätze von Ost und West. Denn auch wenn vornehmlich das Schicksal bzw. der Umgang mit dem Schicksal von Nai Nai diskutiert wird, bringt dies immer wieder die grundsätzlich unterschiedlichen Einstellungen der Familienmitglieder hervor. Das Wohl des Einzelnen gegen das Wohl der Allgemeinheit, Individualismus gegen Kollektivismus oder eben wie es der Concierge in Billis Hotel zusammenfasst: „Was ist denn jetzt besser, China oder die USA?“. Wobei Billis Antwort, an die sie zu dem Zeitpunkt selbst nicht ganz zu glauben scheint, es wohl sehr gut trifft: „Sie sind einfach unterschiedlich“. Das einzige, was die völlig unterschiedlichen Familienmitglieder immer wieder zusammen- und sprichwörtlich an einen Tisch bringt und verbindet, ist das gemeinsame Essen und Kochen. Vom Willkommensessen bis zum Hochzeitsdinner, um dessen Planung sich sowieso der halbe Film dreht. Zwar wird gerade in der chinesischen Kultur dem gemeinsamen Essen eine besondere Bedeutung zuteil, aber auch im Westen kommen wir hier ja immer wieder zusammen. Kaum eine familiäre Festivität dreht sich nicht im Kern um ein gemeinsames Essen, wir gehen gemeinsam in die Mensa, die Kantine oder Treffen uns zu Team Dinnern und Geschäftsessen. Man trifft sich, tauscht sich aus, spricht über alles, was wichtig oder eben unwichtig ist. Besonders wer jetzt schon Hunger bekommt, sollte den Film auf keinen Fall auf leeren Magen schauen. Appetit wird man dabei, besonders wenn man chinesisches Essen mag, aber so oder so bekommen. Auch wenn selbst in den Dinner Szenen nicht alles offen ausgesprochen wird, wird hier alles gesagt und Entscheidungen getroffen.

Ohne den Film vorwegzugreifen, die reale Nai Nai hat entgegen aller Prognosen sogar den chinesischen Release des Filmes unter dem Titel Erzähle es ihr nicht erlebt und somit letzten Endes von ihrer eigenen Diagnose erfahren müssen. Nai Nai wusste zwar vom grundsätzlichen Plot um das Familienzusammentreffen, aber nicht, dass es im Kern um ihre Geschichte geht. Tatsächlich hatte das Mitwirken ihrer Schwester in einem Film, von dem sie keine näheren Details erzählen wollte, zwischenzeitlich für Spannung in der Familie gesorgt. Aber nun verstand sie. Somit waren die Folgen des Schweigens auch im konkreten Beispiel positive wie negativ. Das mittlerweile sogar ein Film über ihr Schicksal existiert hat den Moment der Offenbarung sicherlich ein gutes Stück traumatischer gemacht. Aber das Schweigen hat ihr auch viele Jahre ohne Sorge bzw. viele Jahre, in denen die Familie sich die Sorgen der Großmutter zu ihrem Schutz aufgebürdet hat beschwert.

The Farewell will nicht sagen, dass der eine oder andere Weg richtig ist, sondern, dass man Verständnis für die unterschiedlichen Sichtweisen haben sollte, im Großen wie im Kleinen. Er schafft dies in dem er dem Zuschauer das konkrete, im Westen kaum bekannte Phänomen der Geheimhaltung von Krankheiten glaubhaft näherbringt und gleichzeitig wie nebenbei größere Gesellschaftliche Themen wie die grundsätzliche Ost/West Werte Diskussion und die Herausforderungen „Asian-American“ zu sein auf arbeitet. Dies alles mit einer Leichtigkeit, die bei der Schwere der Themen unmöglich scheint. Dank dem anstehenden Heimkinorelease eine gute Gelegenheit, um mal wieder zusammen zu kochen, mit der ganzen Familie einen ergreifenden Film zu genießen und danach vielleicht ein wenig zu diskutieren.

The Farewell (US 2019)
Regie: Lulu Wang
Besetzung: Shuzhen Zhao, Awkwafina, Diana Lin, Tzi Ma, Aoi Mizuhara, Hong Lu, Han Chen
Heimkino-VÖ: 17. April 2020, DCM

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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