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Veröffentlicht am 22.02.2021 | von Elias Ott

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BALTHAZAR – Sand

How much, how much it feels like,
We are losing for the moment
How much, how much it feels like,
We are losers on the verge of something great

(Balthazar – Losers)

Auf einem Stuhl, Fabrikat Warteraum, sitzt ein großer, grauer Blob und blickt uns aus schwarzen, pupillenlosen Augen an. Der kahle Kopf geht unmittelbar in einen fleischigen Körper über, der breite Rüssel hängt nach unten. Im wulstigen Schoß liegen die Hände, die Finger verschränkt, so sitzt er – sie – es da. Homunculus Loxodontus, eine Skulptur der niederländischen Bildhauerin Margriet van Breevort ziert nicht nur das Cover von Sand, Album Nummer Fünf aus dem Hause Balthazar. Mit den fünf belgischen Herren hat das Wesen auch eine beachtliche Karriere gemein: im Frühjahr 2016 in der Uniklinik Leiden aufgestellt, ging die Darstellung eines sitzenden See-Elefanten im Folgejahr in Russland und weiteren osteuropäischen Ländern unter den Namen Zhdun und Puchekun („der Wartende“) als Meme viral. Seitdem sitzt Zhdun mit Putin in Talkshows, für da Vinci Porträt und war – in einer Mini-Plüschversion – bereits Gast im ukrainischen Parlament. Auf Tumblr wurde Zhdun zum Snorp, auf Reddit zum Wosh und die Kommentatoren in den Medien erklärten ihn erst zum neuen, russischen Nationalsymbol und schließlich zum neuen Protagonisten aus Samuel Becketts Warten auf Godot. Warten auf Reformen, auf Erneuerung, auf Erlösung.

Was wäre das im zweiten, schier endlosen Pandemie-Jahr also für ein origineller Kommentar zur Situation, die Corona nicht zuletzt für MusikerInnen bedeutet. Bloßes Ausharren, irgendwo zwischen Tatenlosigkeit und hohlem Ersatz (Streaming-Konzerte), zusammengefasst auf einem Album. Doch während Beckett und die Zhdun-Memes die Warterei mit absurdem Humor zu füllen wussten, haben Balthazar das Konzept bedauerlicherweise auf ihre Songs ausgedehnt. Sand liefert nicht mehr und nicht weniger als einen Schwung dudelnder Wartemusik: alles smooth, alle am cruisen, sauber produziert. Hoben frühere Alben mit einer gewissen Widerborstigkeit das Quintett von der üblichen Indie-Schwemme ab, boten nachlässigen Gesang, auf Glöckchengebimmel und melancholischen Streichereinlagen von Ex-Mitglied Patricia Vanneste gespuckt, ist 2021 davon wenig zu spüren. Ein paar Mmmhs hier, ein paar Doo-Woops im Beach Boy-Falsett da, dazwischen Sänger Maarten Devoldere als lässiger Leonard Cohen – das klappt mit Simon Casiers wie eh und je ploppendem E- genau wie mit frischen Synthesizer-Bässen. Doch zu einer Neuerfindung reicht der lasche Disco-Flirt, den der 2019er-Vorgänger schon angedeutet hatte, nicht aus. Wurden die allerersten Baukasten-Loops (Bathroom Lovin‘: Situations, 2008) der Band zum Karrierestart noch von süßen Wuschelfrisuren – nein, natürlich vom umwerfenden Debütalbum Applause (2010) – wettgemacht, wirken sie ein Jahrzehnt später, als hätte man gerade ein Meme von 2017 recycelt.

Nach und nach begeben sich die HörerInnen also in die Pose des Zhdun, um schicksalsergeben den verbliebenen Minuten zu lauschen. Die erhoffte Erlösung tritt auch hier nicht ein: Powerless täuscht zum Schluss nochmal an, indem es mit eingestreuten Klavierlinien und gelegentlichen „Power!“-Ausbrüchen die Stärken der Vorgänger aufgreift. Doch da ist – nichts. Die lange Wartezeit, die wir alle gerade verbringen, sie hätte mehr verdient als einen leichtverdaulichen Hintergrundsoundtrack für’s Homeoffice. Aber wie schon Becketts Zhdun-Vorgänger seufzten: „Nichts zu machen“.

Balthazar – Sand
VÖ: 26. Februar 2021, PIAS
www.balthazarband.com
www.facebook.com/balthazarband

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