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Veröffentlicht am 8.02.2021 | von Saskia Böttjer

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LAEL NEALE – Acquainted With Night


Foto-© Jacob Boll

Well, some will say the truth springs
For reservoir seekers
But I think the truth sings
To whoever listens

(Lael Neale – Blue Vain)

Eine Ode an die Poesie des 19. Jahrhunderts und das Omnichord – das zweite Album der amerikanischen Songwriterin Lael Neale.

Omni-Was? Verständlich, dass nicht jedem dieser kleine Alleskönner aus den 80ern geläufig ist, war er doch sowieso eher im englischsprachigen Raum verbreitet. Dass Lael Neale dieses elektronische Instrument für sich entdeckt hat, passt mehr als gut zur individuellen Musik ihrer One-Woman-Show und hat Acquainted With Night überhaupt erst möglich gemacht. Der Weg seit dem Debüt 2015 war lang: Unzählige Albumversionen hat die Songwriterin aus den USA seitdem verworfen – bereits eingespielt und aufgenommene! Die Songs fühlten sich im Nachhinein nicht mehr wie ihre an, viel zu überladen. Ein schwieriger Prozess mit einer einfachen, aber zufälligen Lösung: die Begegnung mit einem Omnichord. Plötzlich hatte Leal alles in der Hand! Sie setzte sich mit einem Aufnahmegerät ins Zimmer und war bereit ihre Texte zu vertonen.

Als ich las, dass dieses Album ihre Liebe zur Dichtung gewidmet ist, wunderte ich mich nicht. Beim Hören ihrer Songs dachte ich an eine Dichterin im 19. Jahrhundert, die im Dachstuhl am Schreibtisch vor ihrem Fenster sitzt und ihre Zeilen schreibt. Lael ist eine Poetin der Neuzeit, die sich denselben Themen widmet: Isolation, Sterblichkeit, Sehnsucht und der transzendenten Erfahrung (der Erkenntnistheorie aus Erfahrung, einer amerikanischen Strömung des 19. Jahrhunderts). In Kombination mit dem Omnichord wird der Eindruck ihrer Kammermusik verstärkt. Das liefert die passende Instrumentalisierung aus einer anderen Zeit: Orgel-ähnliche Akkorde zur Untermalung, den blechernen Rhythmus aus kleinen Lautsprechern sowie Harfen-ähnliche Töne für die Hintergrundmelodie. Ihr Grundgerüst.

Beim Song Blue Vain geht dieses Konzept sehr gut auf. Er nimmt einen mit, wirkt durch die ausnahmsweise eingesetzte Akustikgitarre an Leichtigkeit aber gleichzeitig sehr intim. Nicht nur musikalisch, auch textlich setzt er den Ton fürs Folgende: eine Melancholie und Schwere und zudem eine Botschaft, die Lael mit dem Album überbringen möchte. Ihr geht es um die große Bedeutung in allem, die Suche nach dem Ganzen, dem Sein – dem Transzendentalismus.

Und so schließt sich der Kreis zur Dichtung. Zwar trägt Lael diese inhaltsschweren Songs feminin-feinfühlig und stark vor und ihr Konzept funktioniert für jeden einzelnen der zehn Songs dieses Albums richtig gut. Auf Dauer ist das jedoch ganz schön harter Tobak, wenn das dominante Omnichord sich wie eine Orgel durchs Album zieht und diese Sinnkrise untermalt. Klagelieder des 21. Jahrhunderts, die poetischerweise die Meinung spalten dürften – ein wenig der Zeit entrück, aber das ist gerade auch der Charme und die Einzigartigkeit von Acquainted With Night.

Lael Neale – Acquainted With Night
VÖ: 19. Februar 2021, Sub Pop
www.laelneale.com
www.facebook.com/laelneale

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