Reviews @ Raymond Sabbah

Veröffentlicht am 12.04.2021 | von Elias Ott

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ROGÉR FAKHR – Fine Anyway

Rogér Fakhr Album Artwork
Foto-Credit © Raymond Sabbah

I’m fine anyway, I don’t need you to stay
I don’t want you to go away from me
It don’t matter at all
If I’m blind I can see through the night in a way

(Rogér Fakhr – Fine Anyway)

Akustikgitarre, Fingerpicking, hallgesättigte Stimme: „Hear the story of the lady rain / It happened in the cloudy, early times of May”. Wer die ersten Takte von Rogér Fakhrs Lady Rain hört, will Nick Drake sagen, überlegt nochmal – nein, klingt amerikanisch, vielleicht Jackson D. Frank, „Blues Runs the Game“? – und wundert sich am Ende, von diesem Musiker vermutlich nie gehört zu haben. Zu verdanken ist das Erstaunen dem Berliner Label Habibi Funk, das KünstlerInnen aus Nordafrika, Arabien und der Levante wiederveröffentlicht, die zwischen 1950 und 1990 lokalen Sound mit benachbarten Stilen oder westlich geprägten Genres verschmolzen haben. Dementsprechend klingen die Veröffentlichungen mal nischig, mal schwer verortbar – oder wie im Fall von Rogér Fakhrs Album Fine Anyway gleichzeitig nach Kalifornien: „I’ve been sitting on the mountain, one more time / Sitting in the sun, I would be pleased to know you well“. 

In den USA lebte der Sänger dieser Zeilen erst nach deren Aufnahme: Aufgewachsen im Libanon der 1960er, floh Fakhr vor 1976 dem Bürgerkrieg nach Paris und emigrierte später in die Staaten. Von den MusikerInnen seiner Generation wurde der Singer-Songwriter bewundert. Die Master-Tapes von Fine Anyway aber hielt er unter Verschluss. 

Wer es sich jetzt leicht machen möchte, könnte sagen: „Dabei ist das Album ein Schatz – und jetzt wurde es wiederentdeckt!“ Aber als Schätze gelten eben eine ganze Reihe an geistigen und materiellen Ressourcen, die seit Jahrhunderten von EuropäerInnen (mit und ohne Retterkomplex) ausgebeutet werden. Wenn du also deiner Tante eine JulianeWerdingGroßstadtlichter-7-Inch vom Dachboden abluchst (hit me up, ich suche) kannst du dich im Freundeskreis vielleicht als EntdeckerIn kurioser Exotika feiern lassen. Wenn du in postkolonialen Kontexten auf Musik stößt, die unbedingt gehört werden sollte, kannst du diesen Nebensatz samt seinen Begriffen dagegen streichen. 

Eine Wiederveröffentlichung ist keine Heldentat, sondern wirft eine ganze Reihe an Fragen auf: In welchem Zusammenhang sind die Aufnahmen entstanden? Wer profitiert von der Neuauflage? Und an welches Publikum richtet sie sich? Die Menschen hinter Habibi Funk wissen um das Nord-Süd-Gefälle, das die Suche nach Material und seine Wiederveröffentlichung kennzeichnet: ihre Lizenzen sind zeitlich begrenzt, die Einnahmen werden geteilt und die Arbeit derer honoriert, die vor Ort Kontakte knüpfen und Kontexte recherchieren. Auch weil Habibi Funk sich nicht auf europäische HörerInnen beschränkt, bekommt das Label länderübergreifende Anerkennung dafür, Zugänge für die Musik der Elterngeneration zu öffnen. 

Denn nicht alle Aufnahmen, vervielfältigt auf Vinyl und vor allem Kassette, sind digital zu finden. Auch von Fine Anyway, aufgenommen in Beirut, existierten offiziell nicht mehr als 200 handgefertigte Kopien, die Fakhr selbst verbreitete. Der 1975 begonnene Krieg, der bis 1990 wüten sollte, hatte längst Eingang in seine Songs gefunden: Auf Keep Going heulen Sirenen und fallen Schüsse, während Fakhr auf The Wizard singt „The streets were non-existent / And the holes were filled with mud“. Es ist keine Vietnamkriegs-Hymne, aber auch hier gilt: „Blues runs the Game“. 

Dabei wagen die Songs von Fine Anyway einen eleganten Spagat zwischen melancholischer Folk-Stimmung, jazzigen Einflüssen und Funk-Ausflügen. Der geisterhafte Titelsong setzt sich mit seinen mantraartigen Lyrics ebenso fest wie Sitting In The Sun mit seinem andalusischen Gitarrenspiel. Anders als die Stichworte Re-Issue und Singer-Songwriter vermuten lassen, ist das Album keine verrauschte Sammlung von Home Demos, sondern ein Studiowerk mit smarten Arrangements. Flötenparts und ein verstreutes Klavier verleihen Songs wie My Baby, She Is As Down As I Am einen psychedelischen Touch, während Gone Away Again elektronische Streicher und Percussion auffährt. 

Dass die Songs lange Jahre, nachdem der Krieg ihre Verbreitung verhinderte, nochmal veröffentlicht wurden, hängt indirekt mit einer anderen Katastrophe zusammen: Nach der Explosion im Hafen von Beirut im Sommer 2020 entschied Fakhr sich spontan, zwei Songs zu einer Solidaritäts-Compilation von Habibi Funk beizusteuern – und gab auch der Neuauflage seines Albums grünes Licht. Ein Glück: Denn auch ohne einen retrospektiven Vergleich zu wagen erscheint es absurd, welche Werke in Vergessenheit geraten – und welche zu Klassikern werden. Fine Anyway, das können jetzt alle hören, ist einer. 

Rogér Fakhr – Fine Anyway
VÖ: 09. April 2021, Habibi Funk Records
www.habibifunkrecords.bandcamp.com

YouTube video

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