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Veröffentlicht am 13.09.2021 | von Tamara Plempe

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SUUNS – The Witness


Foto-© Will Lew

You got lost and then u found
Every thought that kept you bound
But now that you can see
We change your mind

(Suuns – Clarity)

Suuns melden sich mit ihrem fünften Studioalbum The Witness zurück. Manch einer wird sich an die Kanadier noch aus der Serie Halt And Catch Fire erinnern, in der ihr Ohrwurm-Hit 2020 verwendet wurde. Ihr neues Album hat sich musikalisch weiterentwickelt und bietet weniger schmissigen Indie-Sound, sondern entspannt-verträumten Electro-Rock.

Das Trio, bestehend aus Sänger Ben Shemie, Gitarrist Joe Yarmusch und Drummer Liam O’Neill, hatte 2019 gerade erst eine Tour hinter sich gebracht, als ihr viertes Mitglied Max Henry die Band verließ, um sich auf seine akademische Karriere zu konzentrieren. Dazu kam 2020 noch der Lockdown – kein Wunder, dass aus dieser Zeit ein nachdenkliches, minimalistisches Album resultierte. Die Texte auf The Witness beschäftigen sich mit Themen wie Entfremdung, Verlorenheit und der Frage nach einer ungewissen Zukunft. Ein introspektiver Grundvibe durchzieht alle Songs. Das ist auch so beabsichtigt, wie Yarmush erklärt: „It was a conscious decision to make the album sound like one song. (…) We were basically trying to hold back all the bombastic tendencies and make things sound very subtle.“

Das gelingt ihnen auch: Der Opener Third Stream entführt die Hörer*in mit schleppendem Beat, atmosphärischen Synth-Klangwänden, Drone-Sounds, zurückhaltenden Post-Rock-Gitarren und Vocoder-verzerrter Stimme direkt in eine kühl-düstere Welt. Der maschinelle, aber nachdenkliche, gleichzeitig spröde und doch emotionale Sound erinnert streckenweise an Radiohead oder Björk. Er wirkt zwar hypnotisierend, aber nie einschläfernd, dafür halten zu viele dissonante Chords und überraschende Harmoniewechsel die Hörer*innen auf Trab.

Witness Protection ist der eingängigste Song der Platte und wurde deshalb wohl auch vorab als Single mit Musikvideo veröffentlicht. Stimmung und Instrumentalisierung bleiben minimalistisch und zurückhaltend, wenn Shemie eine „Krankheit“ besingt, mit der sowohl die Pandemie als auch der Zustand der Welt generell gemeint sein könnte: „There’s a hole in the sky, it’s all over the news, I’m lookin through a lens, reflection never ends in a broken mirror.“ Im Zeitalter der digitalen Medien werden wir alle zu mehr oder weniger unfreiwilligen Voyeuren, die rund um die Uhr Zugang zu den erschreckendsten Nachrichten aus der ganzen Welt haben und sich in einem andauernden Zyklus von Beobachten und Beobachtet-werden befinden. Daher auch die Aufforderung: „Now’s the time to testify, wake from this dream, wipe the sleep from your eyes.“

Während C-Thru mit einem spleenigen Groove und verzerrten, dröhnenden Gitarrenwänden aufwartet, die dem Lied fast ein bisschen Grunge- oder auch Depeche Mode-Flair verleihen, kontrastiert Timebender Vogelgezwitscher mit den maschinellen Beats und Synth-Klängen und erreicht dadurch einen beeindruckenden Entfremdungseffekt. Clarity bremst mit seinem schleppenden Tempo das Album ein bisschen herunter, bevor The Fix die polyrhythmischen Tendenzen nochmal richtig hochfährt. Das Lied wirkt auf eine düstere Art erwartungsvoll, baut langsam eine psychedelische Synth-Atmosphäre auf und kulminiert in ein lautem Schniefen und einem gemurmelten „What a fool…“  so, als ob sich ein Konsument im Drogenrausch – nachdem er seinen „Fix“ bekommen hat – zurücklehnt und langsam davondriftet. Das Einsetzen der Wirkung wird musikalisch durch den knisternden Beat unterstrichen, der das Gehirn kitzelt und bei der Hörerschaft ein ähnliches Kick-Feeling auslösen dürfte. Go To My Head stellt dem typisch monotonen, maschinellen Beat dann fast sonnig-warme Country-Gitarren-Akkorde entgegen und wagt trotz einiger Niedergeschlagenheit („putting out the fire with my tears“) eine vorsichtige Aussicht auf Hoffnung („moving to a future without fire“).

Entfremdungs ist eins der großen Motive der Platte – und das hört und spürt man auch: Die Stimme von Shemie wirkt immer ein bisschen körperlos und schwebt teilweise arhythmisch neben dem Beat, als wären entweder er oder die Musik nicht real. Durch die Mischung von nachdenklichen Lyrics, emotionalem Gesang, maschinell-kaltem Sound und psychedelischen Synthesizer-Klängen wird die Platte interessant, streckenweise aber auch etwas unzugänglich, sodass sich die Wirkung mancher Stücke erst bei mehrmaligem Hören entfaltet. Für Hörer*innen, die bereit sind, sich auf ein minimalistisches Experiment einzulassen, bieten Suuns mit The Witness spannenden, spröden Post-Rock mit existenziellen Fragen und einigen Überraschungen.

Suuns – The Witness
VÖ: 3. September 2021, Joyful Noise Recordings
www.suuns.net
www.facebook.com/suunsband

Suuns Tour:
01.11.2021 Köln, Bumann & Sohn
02.11.2021 Berlin, Lido
06.11.2021 Hamburg, Hafenklang
07.11.2021 Schorndorf, Manufaktur

YouTube video

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