LIV STRÖMQUIST – Im Spiegelsaal

Liv Strömquist - Im Spiegelsaal

Mein erster Berührungspunkt mit einem Graphic Novel von Liv Strömquist fand in meiner letzten Wohngemeinschaft statt. Meine Mitbewohner:innen – eine angehende Soziologin und ein Theaterwissenschaftler – diskutierten angeregt über Der Ursprung der Welt, das die Kulturgeschichte der Vulva aufbereitet. Als Comicfan wurde ich hellhörig und fand mich kurze Zeit später im strömquistchen Kosmos zwischen aktuellen Feminismus, popkulturellen Referenzen und grafischem Sachbuch wieder. Mit Im Spiegelsaal veröffentlicht die schwedische Autorin nun ihr neues Buch, dass sich in fünf Essays mit der Thematik Schönheit auseinandersetzt.

Liv Strömquist nähert sich dem Schönheitsbegriff über die Sensation der Sozialen Medien: Influencer:innen wie Kylie Jenner oder die Kardashians stehen stellvertretend für eine neuartige Fixierung auf des Aussehen. An ihrem Beispiel werden Selbstbestimmtheit, Obsession und ein allgemeiner kultureller, strukturell bedingter Wandel in äusserlichen Wahrnehmungen aufgezeigt und diskutiert. Durch weitere Episoden um Nofretete, Sissi, Schneewittchen oder Marilyn Monroe wird die geschichtlich gewachsene Veränderung in den Mittelpunkt gerückt und der für viele gegebenen Alltäglichkeit beraubt. Immer wieder setzt die Autorin dabei Bekanntes und Selbstverständliches in ungewöhnliche Zusammenhänge und schafft es so, Leser*innen zu einem Perspektivwechsel und kritischen Hinterfragen anzuregen. Wohlgemerkt ohne erhobenen Zeigefinger!

Liv Strömquist bleibt ihrer Linie und dem damit verbundenen Erfolgsrezept eines grafischen Essays treu. Im Spiegelsaal verwebt in gewohnter Manier philosophische, psychologische und soziologische Überlegungen und exponiert dabei Diskurse und Theorien mit dem Leben und Streben der Stars und Medienfiguren historischer oder kontemporärer Natur. Von etwaigen Abnutzungserscheinungen fehlt dabei jede Spur, die Dringlichkeit und Aktualität der angesprochenen Themen gibt genug neuen Input für Leser*innen. Input der fordernd, markig und manchmal sogar aggressiv in seiner verbalen Ausgestaltung formuliert wird, gerade deshalb aber auch eine nötige Auseinandersetzung einfordert. Doch neben absolut angebrachtem Kampfgeist und wissenschaftlich fundierten Theorien, findet Strömquist auch immer wieder Zeit für Augenzwinkern, Charme und feingeistige Lacher. Und von letzterem die Falten im Spiegel zu entdecken, bleibt unverändert wertvoll.

Liv Strömquist – Im Spiegelsaal
VÖ: 01. Oktober 2021, avant-verlag
168 Seiten, Softcover
ISBN 978-3-96445-062-3

Fred

Fred ist 32 Jahre, wohnt in der Pop-City Damstadt und mag Hunde, Pizza und Musik.

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