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Veröffentlicht am 4.05.2016 | von Christian Weining

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MATTHEW AND THE ATLAS – Temple

Matthew And The Atlas - Temple CD-Kritik

I’m lost on an evening tide
A red ocean into a northern sky
And the deep water moves like gray ribbons on the wind.
I’ve always seen the beauty in it.
It’s a slow change, it’s hard to reconize it in the mist of the modern age
Always dark in the dawn

(Matthew And The Atlas – On A Midnight Street)

Wer sich noch an die Anfänge von Matthew And The Atlas erinnert, der hat akustische Gitarren, Banjo und mehrstimmige, mitreißende Refrains im Ohr und dazu vielleicht weite grüne Wiesen vor dem Auge. Auf dem Label Communion von Mumford & SonsBen Lovett hat das Ganze damals begonnen. Heute ist die fünfköpfige Truppe um Matt Hegarty musikalisch ein gutes Stück von dort entfernt. Und dennoch spürt man den Folk teilweise noch zwischen dem weitreichend auskomponierten Indie-Pop durchschimmern. ‚Temple‚ heißt die grade erschienene Platte der Briten. Damit schließen sie nach ihrer einjährigen Tour an zwei EPs und ein Album an. Das Debut-Album ‚Other Rivers‚ war zwar auch nicht mehr wirklich Folk, vergleichbar mit ‚Temple‘ ist es trotzdem nicht.

Man mag es kaum glauben aber die Stimme von Hegarty hat sich noch weiter entwickelt. Klang sie doch vorher schon rau und alt, ist sie noch weiser und berührender geworden. Gleich beim ersten Song ‚Graveyard Parade‚ kommt sie mit ihrem Spektrum und ihrer Kraft sehr gut zum Einsatz. Trotz schimmernder Gitarren und recht hohem Tempo kann man die Friedhofsatmosphäre spüren. Und dennoch schwingt sehr viel Hoffnung und Leben mit. Bei Standard-Indie-Beat und Synthie Teppich überrascht Matt Hegartys Stimme umso mehr. Die Frische der Musik in ‚On A Midnight Street‚ ist nämlich alles andere als Folk. Die Stimme dafür umso mehr und wahrscheinlich ist es genau dieser Kontrast, der den Sound auf diesem Album so besonders macht. Der Albumsong ‚Temple‚ ist eine gradlinige Rocknummer, die auch sehr gut funktioniert. Durch Mitsing-Refrain und E-Gitarrensolo klingt hier tatsächlich ein wenig Bruce Springsteen an. Aber auch das ist hier nur authentisch und passt gut aufs Album. Auch ‚Gutter Heart‚ fällt mit den treibenden Drums in diesen rockigen Bereich. Der Stil weist hier mit den hallenden und füllenden Gitarren und der trotzdem ständig gedrückten Stimmung eine leichte Ähnlichkeit mit Kings of Leon auf.

Aber auch die Wurzeln der Briten sind sind nicht ganz verschwunden. Das zeigen Folk-Chöre, Banjo und akustische Gitarrenpattern bei ‚Elijah‚, ‚Modern World‚ und ‚Old Master‚. Gänsehaut ist garantiert, wenn Hegarty haucht: „Elijah, you’re too young to be lost. Elijah, don’t fade out on the cross. Elijah, I don’t know, what it is you need to do.“ Tragende Streicher und atmosphärische Gitarren bringen dann noch eine ordentliche Portion Opulenz dazu. Es fehlt deshalb der kernige und pure Folk-Sound und dennoch gibt es den Bezug zum Stil der ersten beiden EPs.
Auch ‚Can’t You See‚ kommt sehr ruhig daher. Mit aller Zärtlichkeit, die so eine raue Stimme aufbringen kann und der – für dieses Album typischen – theatralischen und detailreichen Ausgestaltung geht es hier um die Liebe eines Vaters zu seinem Kind. Die Kinderstimmen am Ende des Songs verraten das. ‚When The Light Hits The Water‚ schließt das elf Stücke umfassende Werk mit Piano, klagendem Cello und im Hintergrund einem technoartigen Brodeln, das genau so ein besagtes ist. Kaum hörbar, aber unterbewusst sehr mächtig um das Album zu prägen. Es klingt der Sound des Albums nach. Dunkel aber nicht düster. Ernst aber nicht traurig.

Und das ist die Stärke, die Matthew And The Atlas auf ihrem zweiten Studioalbum entwickeln. Fast pathetisch aber eben nur fast. Und fast melancholisch aber auch dafür einen Tick zu euphorisch. Den größten Beitrag leistet dazu Matt Hegartys Stimme. Ohne sie würde die Musik vielleicht teilweise unbeachtet zurückbleiben. Doch auch die Detailverliebtheit mit den vielen kleinen Sounds, Effekten und rhythmischen Feinheiten trägt zum Gelingen der Platte bei. Letztendlich es ist wie meistens: Die Mischung macht’s. Den Folk konnten und können sie gut. Doch die neue Qualität, die auf ‚Temple‘ zu hören ist, lässt hoffen, dass sie dabei bleiben und auch das nächste Album solch ein angenehmes Gefühlschaos hinterlässt. Großes Indie-Kino!

4von5

Matthew And The Atlas – Temple
VÖ: 22. April 2016, Caroline
www.matthewandtheatlas.com
www.facebook.com/matthewandtheatlas

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