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Veröffentlicht am 22.01.2019 | von Julia Rösner

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ALICE MERTON – Mint


Foto-© Paper Plane Records

I was the new kid
I liked to wear the same shirts again
They reminded me where I’ve been
All the places I left my brothers
I was the new kid
I never understood whats going on
And i didn´t know how to talk
So i put it in a song

(Alice Merton – Homesick)

Alice Merton ist eine Kämpfernatur. Das zeigte sie schon mit ihrer EP No Roots, die vor zwei Jahren im eigens gegründeten Label Paper Planes Records erschien, denn die Songwriterin wollte sich nicht abhängig von den Entscheidungen großer Plattenfirmen machen. Der Erfolg gab ihr letztlich Recht, ihre erste Single erreichte allein in Deutschland dreimal Goldstatus und wurde als Jingle für den Konzern Vodafone einer der größten nationalen Ohrwürmer des Jahres.

Ihr Langspieldebüt Mint behandelt erneut Themen, die auf Mertons Biografie verweisen: Heimatlosigkeit, Einsamkeit und ihr „Ich lass mich nicht Unterkriegen“– Habitus. Die Weltbürgerin ist in Kanada aufgewachsen, in England zur Schule gegangen und hat in Deutschland studiert. Nun scheint sie in Berlin eine vorübergehende Heimat gefunden zu haben, wo sie zuletzt auch drei Jahre an Ihrem ersten Longplayer arbeitete.

Der Opener Learn to Live ist ein richtiges Brett, energiegeladen und ohrwurmtauglich. Man platzt gefühlt direkt ins Album rein und wird durch hymnenartige Klänge und Peitschensounds direkt mitgerissen. Es wirkt als wolle die Songwriterin aus einem Erwartungskorsett ausbrechen. Nachvollziehbar, denn nach dem großen Erfolg von No Roots stand sie unter großem Druck beweisen zu müssen, dass sie mehr als nur einen guten Song schreiben kann.

Das gelingt ihr unter anderem mit Why so Serious, einem groovigen, tanzbaren Song, der ebenso absolut schnell ins Ohr geht.
Sich selbst nicht so ernst nehmen und keine Angst haben Fehler zu machen – Themen, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Album ziehen. Der Song Homesick beschreibt ihren Schmerz, sich nirgendwo zugehörig zu fühlen, immer auf der Suche nach einer Heimat zu sein und sich trotzdem immer wie die Neue zu fühlen. Trotz dunkler Akkordwahl zu Beginn, entwickelt der Song eine Toughness und es wirkt so, als ob eine gewisse Rastlosigkeit und Trauer über ihre Entwurzelung zur Sängerin gehören.

Seichter kommen Songs wie Trouble in Paradise und I Don’t Hold a Grudge daher. Mit präsenter Bassline und in ihrer Melodieführung erinnern sie stark an Mertons erste EP und die Zusammenarbeit mit Produzent Nick Rebscher lässt sich direkt raushören. Funny Business scheint von Queens Another One Bites the Dust inspiriert worden zu sein, kommt aber irgendwie nicht richtig in Fahrt.

Rockiger und bluesiger ist Speak Your Mind. Der Song ist sehr emotional geladen und könnte der Soundtrack von einer Folge The Blacklist sein. Ein sehr individueller Singflow und verschiedene experimentelle Synthies machen den Song zu einer schönen Abwechslung. Dass die Songwriterin großen Wert auf verspielte E-Gitarrensounds legt, hört man besonders in Honeymoon Heartbreak. Aus vollem Hals wird sie ihren Schmerz über das Verlassenwerden los und setzt ihre Stimme hierbei extrem gut in Szene. 2 Kids und Lash Out erinnern an eine etwas rockigere Version von Marina and the Diamonds. Hier wirkt Mertons Stimme schon fast aufgekratzt und überschlägt sich beinahe.

Mit dem neuen Album hat Alice Merton wieder viel Wert auf präsente Basslines, verzerrte Gitarren und deepe Orgelsounds gelegt. Und es funktioniert genauso gut wie schon auf ihrer ersten EP nur noch klanglich etwas ausgereifter. Neben lässigen Disco Tracks, die Lust auf einen Abend im Lieblingsclub mit guten Freunden machen, finden sich packende, rockige und extrem interessant gesungene Songs auf Mint wieder. Die Platte ist sehr erfrischend und erbaulich, klingt nach Frau von Welt und hat gute Chancen auch international gehört zu werden.

Alice Merton – Mint
VÖ: 18. Januar 2019, Paper Plane Records
www.alicemerton.com
www.facebook.com/alicemerton

Alice Merton Tour:
29.03. FZW, Dortmund
31.03. Gladhouse, Cottbus
31.05. W-Festival, Frankfurt


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