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Veröffentlicht am 29.04.2019 | von Christian Weining

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LOYLE CARNER – Not Waving, But Drowning


Foto-© Charlie Cummings

I was sat up on the train
Staring out the window at the rain
I heard this little lady must’ve felt the pain ask her mum if the blazing sun’ll ever shine again
I felt ashamed feel the same not her mother though
Nah, started to laugh got her son involved
Mention the past like a running joke
And told her ‚without all the rain there’s no stunning growth’

(Loyle Carner – Ottolenghi)

„I was much further out than you thought and not waving but drowning.“ – So heißt es im Gedicht Not Waving But Drowning (1957) von Stevie Smith, das Loyle Carner zu seinem jüngst erschienenen gleichnamigen Album inspiriert hat. Es geht um einen Menschen, der aus der Ferne sehr fröhlich scheint, als würde er weit draußen auf dem Meer zum Strand winken, eigentlich aber dabei ist zu ertrinken. So emotional und deep wie diese Metapher, so gestalten sich auch die 15 Stücke, die der gebürtige Brite mit guayanischem Vater, mit tiefer und bedächtiger Stimme zu souligen Old-School Beats rappt. Wer den 24-jährigen Carner bisher noch nicht kannte, könnte sich jetzt wundern, klingt doch dieser emotionale Ansatz meilenweit entfernt vom ironischen Trap-Gehabe oder aggressiven Street-Rap Game, das aktuell die Hip-Hop Szene dominiert. Stimmt! Loyle Carner macht vieles anders, doch nicht zuletzt seine Nominierungen für BRIT Award und Mercury Prize für sein Debüt-Album vor zwei Jahren zeigen, dass er damit auch genau so viel richtig macht.

Sein neues Album ist eine intime Abhandlung eines jungen aber bewegten Lebens. Von dem Verlust seines Stiefvaters über Liebesbekundungen zu (und von!) seiner Mutter bis hin zu einer kritischen Auseinandersetzung über den Umgang mit Sex behandelt Carner viele Themen, die im Hip-Hop bisher undenkbar gewesen wären. Die Beats sind eingespielt mit analogem Drumset und allerlei Tastenklängen und werden vervollständigt durch soulige Gesangsstimmen von Jorja Smith, Sampha und niemand geringerem als Tom Misch und Jordan Rakei. Der Vibe, der davon ausgeht erinnert an die schwarzen amerikanischen Pioniere des Hip-Hops wie Mos Def, Biggie Smalls und Wu Tang Clan. Lässiges Kopfnicken ist unumgänglich und das, ohne dass auch nur ein einziges „Bitch“ über Carners Lippen geht. Ja, das geht!

Neben den smoothen Beats ist es vor allem die persönliche Ebene, die Carner ab dem ersten Moment herstellt, wenn er im Opener Dear Jean seiner Mutter erklärt, dass er, auch wenn er sich in eine Frau verliebt hat, ihr nicht verloren gehen wird. Die persönliche Ebene wird noch direkter, wenn er Momente aus seinem Leben über einfache Tonaufnahmen teilt, wie kleine Skizzen seines Alltags. Da gibt es ein Gespräch mit einem Taxifahrer, den versenkten Elfmeter von England bei der Weltmeisterschaft vor dem Fernseher mit seiner Familie oder auch ein Gedicht geschrieben und vorgetragen von seiner Mutter, Dear Ben, zu dem er sich direkt nach dem Einsprechen in der Booth äußert. Loyle Carner teilt mit uns seine Leidenschaft zum Kochen in Ottolenghi und Carluccio, erzählt liebevoll die Geschichte, wie er seine Freundin kennengelernt hat und wendet sich direkt an seinen Freund und DJ Krispy. Wenn er zum Schluss um seine Antwort bittet, läuft der Beat noch einige Zeit weiter und ein herrliches Trompetensolo bringt die Luft zum Schwingen. Die Songstrukturen unterscheiden sich von Stück zu Stück. Mit und ohne Hook, mal mehr Spoken Word á la Kate Tempest, mal mehr Rap, mal nur Flügelbegleitung, mal ein klassischer Old-School Beat. Man hört immer heraus wie viel Zeit und Muße in einem jeden Stück steckt und weiß seine direkte aber poetische Schreibart schnell zu schätzen. Er versucht seine Geschichten nicht aufzubauschen, sondern seine Erlebnisse und Gedanken für sich selbst sprechen zu lassen. Und wie das funktioniert! Er thematisiert sich nicht als Rapper, sondern als Mensch mit Stärken und Schwächen, moralischen Vorstellungen und Zweifeln. Und ja, viele Hip-Hop Fans mögen diesen Conscious-Rap nicht, fair enough. Doch bessere Anlässe um sich auch seine sentimentale Seite im Hip-Hop einzugestehen, gab es bisher nicht.

Auch wenn viele Texte traurig und melancholisch sind, und nicht zuletzt auch Stücke wie Looking Back über Carners rassistische Erfahrungen einen Dämpfer hinterlassen ist Not Waving, But Drowning ein lebensbejahendes und hoffnungsvolles Album, herzerwärmend und ehrlich. Carner holt Rap aus seinem sich selbst befeuernden Trap- und Gangsterteufelskreis heraus und präsentiert ihn sympathisch mit persönlichen, echten Geschichten, Rapskill und bemerkenswerter Beatkunst.

Loyle Carner – Not Waving, But Drowning
VÖ: 19. April 2019, Caroline
www.loylecarner.com
www.facebook.com/LoyleCarner


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