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Veröffentlicht am 20.08.2019 | von Andreas Peters

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BON IVER – i,i


Foto-© Graham Tolbert & Crystal Quinn

Shattered in history
Shattered in paint
Oh, and the length that I’d
Stay up late
But brought to my space
The wonderful things I’ve learned to waste

(Bon Iver – Faith)

Es wurde als die große Überraschung angekündigt: Bereits am 08. August, nur einen Tag nachdem Bon Iver bei zahlreichen Listening Parties in ausgewählten Plattenläden (u.a. Berlin, Hamburg, Freiburg, Köln und München) ihr neues Album i,i präsentierten, wurden kleckerweise die verbleibenden acht unbekannten Songs aus ihrem neuen Werk digital veröffentlicht und damit der ursprüngliche Release-Termin zumindest im Streaming um ganze 22 Tage vorweggenommen. Ob es jetzt wirklich eine impulsive Entscheidung war, die zu dem doch sehr ungewöhnlichen Veröffentlichungsmodus geführt hat, oder ob dahinter nicht ein kalkuliertes ästhetisches Motiv steckt, darüber kann man sich zurecht Gedanken machen, zumal i,i sich in vielerlei Hinsicht wie eine große Zusammensetzung einzelner Teile präsentiert. Die nur stückweise neu bekannt gemachten Songs fügten sich so in das Gesamtbild einer groß angelegten musikalischen Collage Es würde jedenfalls nicht groß verwundern, wenn die Gruppierung um Justin Vernon, dem großen Erneuerer des Folks, nicht nur in ihren Songs, sondern nun auch auf diese Weise medial neue Wege beschreiten wollten. Wer das Album auf CD oder Vinyl genießen will, muss dennoch weiterhin bis zum 30. August warten…

Was kann man von einem Nachfolger auf 22, A Million erwarten, welches mit seinem progressiven, von Auto-Tune-Elementen, Harmonizer-Effekten und elektronischen Experimenten getränktem Sound die Grenzen des Folk- Genres zersprengte und in seiner Fraktur-Ästhetik nicht weniger als ein künstlerisches Erwachen der Formation um Indie-Folker Vernon repräsentierte? Wer nun auf i,i mit noch mehr musikalischen Experimenten gerechnet hat, wird feststellen, dass dieses Album vielmehr eine Rückkehr zu klanglicher Sanftheit verkörpert und die unkontrolliert anmutende Triebhaftigkeit des vorherigen Werks kunstvoll wieder einfängt. Die Ausflüge ins Elektronische sind nicht ganz verschwunden – sie sind doch zumindest weniger geworden, akzentuierter eingesetzt und in sonore Klangteppiche eingewoben, sodass in einigen Songs selbst die orchestrale Harmonie der musikalischen Landschaften des selbstbetitelten zweiten Albums aus 2011 in Erinnerung gerufen wird. Nicht zuletzt erhält Sänger und Herz der Band Justin Vernon prominente Unterstützung von Musikern wie etwa James Blake, Jenn Wasner (Wye Oak), Moses Sumney, Bruce Hornsby sowie Vernons langjährigen Kollaborateur Sean Carey – um nur einige zu nennen. In dieser Weise tritt die gesangliche Allgegenwart Vernons zeitweise auch mal in den Hintergrund – durch die Kooperation mit anderen Künstlern setzt sich i,i zu einem Werk zusammen, welches vielfältiger und ausgereifter anmutet, als alles, was das Folk-Projekt bisher präsentiert hat.

Da ist zunächst das genial verspielte iMi, welches neben der vielfältigen Instrumentierung auf der gesanglichen Ebene vor allem durch das ständige Changieren zwischen Vocoder-Arrangements und Vernons engelsgleichem Falsett besticht und wie eine klanglich-expressionistische Collage anmutet, die gemeinsam mit dem nur 30-sekündigen Opener Yi einen zunächst rätselhaften Einstieg in das Werk bietet. Diese brüchige Stimmung zu Beginn wird in den nächsten Songs immer weiter aufgelöst, wenngleich sie in den folgenden Titeln wiederholt durchscheint. Holyfields, etwa erinnert mit seiner Mischung aus zurückhaltender, feingliedriger Instrumentierung und Vernons zärtlicher Gratwanderung aus Bass-lastigen und Kopfstimmen-dominierten Gesangsparts fast schon ein wenig an das atmosphärisch getränkte Minnesota, WI aus dem zweiten Album und lässt schon zu Beginn des Albums durchscheinen, dass Bon Iver auf i,i auch auf die Synthese zwischen verblichener Sentimentalität und neu gewonnener Durchschlagskraft aus sind. Auch Hey, Ma – ein Song mit hohem Potential für einen neuen Bon Iver-Liebling – fügt sich wunderbar in diese künstlerische Verschränkung aus Fragilität und authentischem Pathos ein und demonstriert mit seinem Kompendium aus zärtlich angehauchten bis hin zu energetisch geladenen Textpassagen die ganze gesangliche Stärke Vernons. Neben dem Aufbruch versprechendem und befreiendem Faith fraglos einer der stärksten Songs der Platte. Ergänzt werden diese hymnischen Stücke etwa durch das bedacht dahingleitende Marion oder durch das sphärische, mit Saxofon-Soli akzentuierte Sh’Diah, gefolgt von dem tröstlichen RABi, welches mit seiner symphonischen Instrumentierung und dem wiederholten „but it’s all fine, and we’re all fine anyway“ letztlich eine sehr versöhnliche Grundstimmung erzeugt.

„Shattered in history, shattered in paint“: Auf i,i unternehmen Bon Iver den Versuch, ihre musikalischen Ausbrüche der letzten Jahre wieder einzufangen und die Dinge, die auf dem Weg zu Bruch gegangen sind, wieder in eine Form zu pressen. Herausgekommen ist ein Album, das laut Vernon einen Zyklus vollendet, der vor 12 Jahren mit dem winterlich-kargen For Emma, Forever Ago begann und mit dem die Band nach einem weiten musikalischen Weg mit ihrem vierten Album im reifen Herbst ihres Werdegangs ankommt. Durch die Verknüpfung stilistischer Elemente aus früheren Werken, jedoch stets mit einem universalen Sound, schaffen es Bon Iver, ihre bislang ausgereifteste Platte vorzulegen, auf der die Synthese zwischen Traditionsbewusstsein und Progressivität gekonnt balanciert wird.

Bon Iver – i,i
VÖ: 30. August 2019, Jagjaguwar
www.boniver.org
www.facebook.com/boniverwi

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