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Veröffentlicht am 27.05.2021 | von Elias Ott

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MDOU MOCTAR – Afrique Victime

Was kann die E-Gitarre uns heute noch sagen? Verklärt, verbrannt, feuilletonisiert, beerdigt und zig-fach wieder ausgegraben, ist sie längst mehr Status- als Widerstandssymbol, ihr Gebrauch mehr leere Geste als Innovation. Doch zumindest in den Händen von Mahamadou Souleymane aka Mdou Moctar ist ihre Geschichte längst noch nicht auserzählt. Seit seinem 2008 im Niger veröffentlichtem (und zunächst von Handy zu Handy verbreitetem) Debüt-Album Anar beweist der Tuareg-Gitarrist, dass all die Abgesänge auf sein Instrument nie so gut klingen werden wie er selbst. Den schwebenden Sound, Ergebnis aberwitzig schneller Modulationen mit der einen und Verzicht eines Plektrums in der anderen Hand, hat er zum Markenzeichen in einem Genre namens „Wüstenrock“ gemacht.

So unbeholfen dieser Name klingt, seit westliche HörerInnen sich auf Ali Farka Touré stürzten: Bei seinem jüngsten Album war es Moctar wichtig, nicht bloß den Studiosound, sondern auch die Landschaft rund um seine Wahlheimat Agadez hörbar einzufangen. Und so wird Afrique Victim, auf Tourpausen zwischen drei Kontinenten entstanden, von einer kurzen Feldaufnahme eröffnet, bevor die Band auf Chismiten mit voller Wucht loslegt. Nicht umsonst vergleicht Bassist Mikey Coltun die Tuareg-Hochzeiten, auf denen sich sowohl Moctar als auch Drummer Souleymane Ibrahim ihr Können erspielt haben, mit DIY-Punk-Konzerten: Das Tempo ist hoch, der Sound explosiv. Und selbstverständlich steht Moctars Gitarrenspiel dabei, ob elektrisch oder akustisch wie auf Ya Habibti, im Vordergrund. Doch ebenso wenig wie seine erklärten Vorbilder von Hendrix bis van Halen kann der Virtuose auf seine Gruppe verzichten: Bassist Coltun ist zugleich Produzent und Tourmanager; die Texte, überwiegend in der Tuareg-Sprache Tamasheq verfasst, werden gemeinsam im Frage-Antwort-Schema vorgetragen und Ibrahim legt immer wieder mit seinen elektronischen Drum Rolls nach.

Vom zurückhaltenden Tala Tannam bis zum Ausklang mit Bismilahi Atagah gelingt der Band damit ihr bisher rundestes Album. Dabei ist der Titeltrack, in dem Moctar auf französisch die kolonialistische Ausbeutung des Kontinents anklagt, Krönung und lautstarke Botschaft zugleich: im finalen Solo bricht Moctar den schwebenden Sound und lässt ihn, während die Band das Tempo hochfährt, heulen und kreischen. Mit eindringlicher Schärfe schließt er so nicht nur einen Kreis zu Hendrix und seiner Woodstock-Interpretation der US-Hymne, sondern zeigt auch: Die E-Gitarre klingt nicht bloß, sie kann auch immer noch die Sprache der Subalternen sprechen.

Mdou Moctar – Afrique Victime
VÖ: 21. Mai 2021, Matador Records
www.mdoumoctar.com
www.facebook.com/mdoumoctarofficial

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