DAN BROWN - Das verlorene Symbol (Hörbuch)
5. September 2010

Mittlerweile gibt es acht Staffeln von “24“, alle nach ähnlichem Muster: Der Held gegen die Welt. Das passt auch auf Dan Brown’s neustes Werk “Das verlorene Symbol“, das Ende des letzten Jahres erschienen ist. Darin darf Professor Robert Langdon den Jack Bauer geben - denn genauso wie die Macher der amerikanischen Fernsehserie, hat sich Dan Brown mittlerweile auf die Zutaten seiner Romane festgelegt - hat ihn ja nicht umsonst berühmt und wahrscheinlich auch finanziell wohlgebettet gemacht. Also mal wieder Verschwörung, Rätsel, Architektur, Geheimbünde, Symbolik, Religion und Hetzjagd gegen die Zeit…also “Illuminati“, die Dritte? Ja und nein…
Als Professor Langdon durch den Assistenten seines ehemaligen Mentors und Ersatzvaters Peter Solomon die Bitte übermittelt bekommt, kurzfristig einen Vortrag auf einer wichtigen Tagung zu halten, lässt er sich nicht lange überreden, sondern begibt sich sofort nach Washington. Dort angekommen, muss er jedoch feststellen, dass sein Freund entführt wurde und seine Entführer ihn als Druckmittel nutzen um Langdon dazu zu bewegen ein lang gehegtes Geheimnis um die Freimaurer aufzudecken, das irgendwo in der Hauptstadt versteckt sein soll. 12 Stunden hat er Zeit, gegen seine eigenen Zweifel an der Existenz des Geheimnisses, Symbole zu deuten, um Peter zu retten und gleichzeitig, die Welt, wie wir sie kennen, zu bewahren.
Tja was Jack Bauer in 24 Stunden hinbekommt, kann man als Harvard Professor locker in der Hälfte der Zeit bewältigen, natürlich mit Köpfchen und weniger Prügel. Wie seinen Vorgängern kann man auch dem neusten Thriller von Dan Brown den Spannungsfaktor nicht absprechen, trotzdem fühlt sich alles irgendwie nicht mehr neu und frisch an, sondern wie das etwas seelenlose Wiederholungswerk, das leider nicht mit den Vorgängern mithalten kann.
Sehr wohl mithalten kann dagegen das Hörbuch zu “Das verlorene Symbol”, das in einer bearbeiteten Fassung, gelesen von Wolfgang Pampel erhältlich ist. Auf 6 CDs (hinzu kommt noch eine CD mit Bonus-Material) spielt die Synchronstimme von Harrison Ford alle Rollen mit einer angenehmen Eigenheit und schafft es über 450 Minuten die Spannung aufrecht zu erhalten, selbst wenn dem Roman manchmal die Puste ausgeht. Eine schöne Alternative für Dan Brown Fans - einfach mal zurücklehnen und mitfiebern - klappt doch sonst auch gut bei Jack Bauer…

Das verlorene Symbol von Dan Brown
Genre: Szenische Lesung
Sprecher: Wolfgang Pampe
Redaktion: Dr. Arno Hoven
Produktion: Lübbe Audio 2009
Dauer: 6 CDs, ca. 450 Minuten (plus 1 Bonus-CD ca. 65 Minuten)
ISBN: 978-3-7857-4300-3
http://www.dan-brown.de
SCOTT SMITH - Dickicht
20. Juli 2010

Hach Sommer, du Blüte unseres Jahres, du Kalenderblatt der schönen Monate, voll mit Urlaub, Besuchen am See und ausgelassenen langen Abenden. Immer mit dabei in der Tasche: Decken, Trinken und vielleicht auch ein gutes Buch? Doch was empfiehlt sich als sommerliche Lektüre für See, Strand oder gar um ein paar Flugstunden nicht auf diese kleinen wackligen Bildschirme zu starren? Wir versuchen es heute mal mit “Dickicht” von Scott Smith - spielt ja in Mexiko, könnte also zu unseren sommerlichen Gefühlen passen…
Zwei amerikanische Pärchen feiern ihren Collage-Abschluss in Cancún, Mexiko. Ein bisschen am Strand liegen, das Zusammensein genießen bevor sie durch ihre Uni-Pläne getrennt werden. Die Gruppe lernt beim spaßigen Trinken ein paar lustige Griechen kennen, mit denen sie sich nicht verständigen können und auch einen Deutschen, Matthias, nehmen sie auf. Als sich dieser in den Dschungel aufmacht um seinen Bruder zu finden, der mit einer Archäologin zu einer Ausgrabungsstätte aufgebrochen war, ist es für die Gruppe keine Frage, dass sie ihn begleiten werden. Doch was als Abendteuer beginnt, soll für sie alle ein Kampf um Leben und Tod werden.
Bei “Dickicht” handelt es sich um den zweiten Roman des US-Amerikaners Scott Smith, der 13 Jahre nach seinem Debütwerk “Ein einfacher Plan“, das auch eine Verfilmung durch Sam Raimi erhielt, einen Thriller nachlegt. Dabei schildert er das Geschehen aus den Perspektiven der vier amerikanischen Freunde. Schilderung aus verschiedenen Blickwinkeln - eine häufig verwendete Methode, die teilweiße zur Aufwertung der Geschichte führt, hier das Geschehen aber durch die permanente Wiederholung ausbremst. Dabei bricht der Autor auch noch inkonsequent aus diesem Muster, um diesen Kniff unmotiviert verpuffen zu lassen, sodass man sich fragt, warum er dieses Mittel überhaupt gewählt hat. Eine etwas straffere Erzählung hätte dem Buch außerdem gut getan, dann hätte man auch mit ein paar Seiten weniger sein Gepäck nicht so sehr belastet - so können wir das Buch nur bedingt als Urlaubslektüre empfehlen.

Dickicht von Scott Smith
480 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3596176168
Fischer Verlag, 1. Juli 2007 (4. Auflage)
8,95 €
NICK HORNBY - Juliet, Naked
7. Juli 2010

Nick Hornby ist ja nun wirklich kein unbeschriebenes Blatt mehr, kennt man doch mittlerweile den lockeren Stil des britischen Musiknerds und dessen Lieblingsthemen: Liebe, Musik, Fußball - immer verbunden mit der Unfähigkeit der Akteure die richtigen Worte zu finden. Und auch für “Juliet, Naked” kehrt der Autor von “High Fidelity” oder “Fever Pitch” wieder zu seinem Spezialgebiet zurück.
Die Musik: Tucker Crowe ist ein gescheiterter amerikanischer Songwriter, dessen Ruhm nur noch in einem kleinen Fankreis existiert - diese sind dafür umso fanatischer und rätseln über die Gründe seines plötzlichen Verschwindens von der Oberfläche und seine aktuelle Lebenssituation. Diese sieht mal wieder düster aus: Der Vater vieler Kinder und Ex-Mann von noch mehr Frauen steht mal wieder vor dem Scherbenhaufen einer Beziehung - nur dass er dieses Mal als verantwortungsvoller Vater agierte und somit seinen Sohn aus der Beziehung mitnimmt. Seine anderen Kinder kennt er kaum, hauptsächlich weil er vor ihren Müttern Angst hat…und nunja…ein Taugenichts ist, der seit seinem letzten Auftritt vor über 20 Jahren nicht gearbeitet hat und sich viel lieber mit Büchern und Kunst beschäftigt als mit Familie und Gefühlen.
Die Liebe: Annie lebt im fernen England in einem kleinen Küstenkaff, das ihr genauso wenig gibt wie ihre Beziehung mit ihrem Freund Duncan. Die beiden waren irgendwann mal verkuppelt worden und sind seitdem mehr aus Gewöhnung als durch Liebe aneinander hängen geblieben, was sich nun allerdings ändern soll: Duncan ist großer Tucker Crowe-Fan und einer der ersten, dem das neue Crowe-Album zugeschickt wurde. Darauf befinden sich die Demo-Versionen des bis dato letzten Albums. Er ist begeistert und schreibt eine enthusiastische Rezension in einem Internetforum. Annie währenddessen findet die Demos nicht gerade prächtig und postet einen Zerriss - natürlich eine Hoheitsbeleidigung für den Crowe-Kenner Duncan, der sich in seiner Ehre verletzt fühlt.
Was sich wie zwei getrennte Geschichten liest, verbindet Hornby zu einem Beziehungsgeflecht, bei dem es sehr viel mehr um die zwischenmenschlichen Probleme der Akteure als um die Musik geht. Die Musik ist dabei nur Beiwerk, außer, dass sie der Ursprung von Duncans-Fanatismus ist und diese letztlich zu den ersten Rissen in der Beziehung Duncan-Annie führt. Letztlich ist “Juliet, Naked” einer der erwachsensten Romanen von Nick Hornby, der aber die typischen Probleme seiner Protagonisten und seinen gewohnten Stil mitbringt. Somit wie immer ein Genuss!

Juliet, Naked von Nick Hornby
304 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3462041392
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 3. September 2009
19,95 €
LINUS VOLKMANN - Endlich Natürlich
21. Mai 2010

Wir hatten eigentlich ganz schön viel gemeinsam und sie hatte kurzes braunes Haar.
Heute schon Angst vor Tröpfcheninfektion gehabt? Oder mal wieder Hasstiraden auf die deutsche Bahn geschoben? Was den Charakter Wilhelm Bitters angeht sind das berechtigte Fragen. Der 26-jährige Neurotiker ist Protagonist des neuen Romans von Linus Volkmann: “Endlich Natürlich” heißt es und in dem Buch gibt es so viele skurrile Situationen, dass der Titel wirklich im Satzzusammenhang verstanden werden muss: “Wie sehr muss man sich eigentlich noch verstellen, um endlich natürlich rüberzukommen?”. Wilhelm studiert Soziologie “geht aber ungern hin, weil [ihn] der Unibetrieb so fertig macht”. Hauptsächlich arbeitet er als Caterer, was ihm seine misanthropischen Wesenszüge allerdings nicht gerade leicht machen, von den ganzen tödlichen Infektionen durch Bakterien in beispielsweise altem Wein ja ganz zu schweigen. Wilhelm ist am liebsten allein und daheim, beziechnende Zitate: „ You will never walk alone klang in meinen Ohren immer wie eine furchtbare Drohung“
Die Aftershowparty bei der Presiverleihung des deutschen Hörbuchpreises auf der Wilhelm als Caterer arbeitet endet in einer Orgie samt Drogenrausch und Wilhelm landet mit der Hörspiellegende Freya von Rosenberg im Bett. Von da an bestimmt diese reife, erfahrene Frau seine Tag-und Nachtträume. Er ist wohl irgendwie verliebt. Und dann muss er sich auch noch mit einem rüpelhaften, aber ebenso sympathischen Finnen rumschlagen, wird von einer Stalkerin heimgesucht und muss den Niedergang eines ehemaligen großen Schauspielers miterleben! Das scheint Wilhelms Jahrundert zu werden.
“Endlich Natürlich” ist einfach großartig geschrieben, voller trockenem und niveauvollen Humor , der sich durch Wilhelms zynischer SIchtweise auf die Welt bzw. messerscharfe Analyse seiner Umwelt ergibt. Oft habe ich dagessen und gedacht: “Du hast so Recht Wilhelm, danke, dass ich meine Beobachtungen jetzt auch endlich mal in Worte fassen kann”. Danke für viele Lacher und Dejá-Vus, lieber Linus!
P.S. Das Buch gibt es bald auch als geniales Hörspiel! Das ist dann nochmal ein ganz anderer Schnack!!! Bedroomdisco wird natürlich berichten, brandheiß aktuell und immer nah dran. Dafür stehen wir mit unserem Namen.

Linus Volkmann - Endlich Natürlich
174 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3453675445
Ventil Verlag, 1. Auflage 2010
12,90 €
JOHN NIVEN - Kill Your Friends
12. Mai 2010

Wohin mit all dem Wut und dem Hass? In einer Welt bestimmt von Geld, Markenklamotten und Statussymbolen, wo der berufliche Aufstieg für manchen mehr Wert hat, als das Leben eines vermeintlichen Freundes…wobei Freunde gibt es in “Kill Your Friends” von John Niven eigentlich nicht - eigentlich sind alles nur Konkurrenten und von denen müssen dann auch wirklich manche über die Klinge springen…doch eins nach dem anderen:
Steven Stelfox ist A&R-Manager bei einer großen Plattenfirma. Wo viele denken würden: “Super - was ein toller Job: Den ganzen Tag Musik hören und Abends kostenlos auf Konzerte, Nachts dann noch mit der Band um die Häuser ziehen”, ist es für Steven nur der Weg zu Schotter, Frauen-Höschen und Anerkennung. Um mehr dreht sich sein Leben nicht - außer es stellt sich ihm jemand in den Weg. Dann werden große Geschütze aufgefahren und Pläne geschmiedet auf welche möglichst erniedrigende Weise die Person auf die Plätze verwiesen wird. Musik an sich interessiert Steven schon lange nicht mehr - außer es handelt sich um gut aussehende Musikerinnen oder einen todsicheren Hit. Eine Meinung zu Musik hat er schon lange nicht mehr…außer vielleicht, dass er alle Musiker verachtet.
Gefangen im Kopf eines narzisstische und materialistische Psychopathen - vielleicht ist das der Grund warum “Kill Your Friends” häufig mit “American Psycho” vom amerikanischen Autoren Bret Easton Ellis verglichen wird. Wo dort um die tollste Visitenkarte konkurriert wurde, sind es hier die Plattenverkäufe - und ja…beide sind nicht die nettesten Typen und schrecken auch nicht davor zurück sich die Hände schmutzig zu machen.
“Kill Your Friends” erschien nicht umsonst in der Heyne-Verlag-Sparte “Hardcore” - wenn der Roman stoffgetreu verfilmt würde, würde das Ergebnis nicht um eine 18er-Freigabe umher kommen. Was einen bei all der Verachtung und dem Hass an der Stange hält, ist der moralisch völlig losgelöste Hauptcharakter, bei dem man sich immer fragt - wie schlimm kann es eigentlich noch werden. Sicher nicht jedermanns Sache…unsere schon:

Kill Your Friends von John Niven
384 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3453675445
Heyne Hardcore, 4. Februar 2008
12,00 €
LINUS VOLKMANN - Heimweh To Hell
11. Mai 2010

“‘ein song hier heißt hier: “weck mich nicht auf” und geht weiter “ich bleibe liegen, und zwar auf dem bauch”. das ist doch das letzte. das fiel mir ja damals gar nicht so auf. aber wenn punk nur faulheit bedeutet, dann tut es mir leid, dann möchte ich da nichts mit zu tun haben’”
Wenn das mal kein Statement ist. King Cobra, eine von Linus Volkmann’s Figuren in Heimweh to Hell, ist so anti-anti, dass er schon von einer Vorstadtidylle zu träumen beginnt, während er eine ehemals Lieblings-Punk-CD hört. Denn nur dagegen sein kann ja jeder, aber King Cobra lebt den Individualismus. So studiert er zwar fleissig, aber während der sieben Tage, die wir als Leser mit ihm verbringen, wird er mal nackt aus einem Hippiewohnwagen geworfen und mal feiert er Nächte (und Tage?) im legendären Dorian Gray durch, um dann mit seinen “gutaussehenden post-autonomen” Freunden über Pfandflaschen und Ökofaschismus zu diskutieren. Doch nicht nur King Cobra erheitert des Lesers Gemüt in Heimweh to Hell. Da wäre auch noch seine kleine Schwester, King Hörnchen, die es zu Hause in der Vorstadtidylle krachen lässt. Oder aber auch Robbe und Bürzel, die ultra Informatiknerds, die wir euch bereits im Hörspiel nahegelegt haben, und die so ganz unterschiedlicher Meinung in puncto Frauen sind. In Pro- und Epilog geht es ein wenig tierischer zu, zum einen mit einem Ameisenbär, der für einen Hund gehalten wird, und mit dem Bibermädchen, das über die Liebe zu ihrem Freund Pauli sinniert.
Auf 140 Seiten erheitert Volkmann uns mit den Anekdoten seiner einzigartigen Charaktere, in denen man doch immer auch noch Züge von sich selbst findet. Und was ist besser, als auch mal ein bisschen über sich selbst zu lachen? Lustig ist Volkmann definitiv, und gut schreiben kann er auch. Nur dass das gesamte Buch kleingeschrieben ist, war für mich doch anstrengend beim Lesen. Das muss wohl mein von Großbuchstaben und Serifen verwöhntes Auge machen. Aber anti ist nun mal anti, und das sieht man auch am Satz.

Heimweh to Hell von Linus Volkmann
mit Illustrationen von Ole Kaleschke
140 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-930559-65-7
Ventil Verlag, 2003
9,90 €
BARBARA GOWDY - Mister Sandman
6. Mai 2010

“Mr. Sandman, bring me a dream… Make him the cutest that I’ve ever seen…”
(The Chordettes)
Wer kennt sie nicht, die Bücher von denen man nie etwas gehört hat, der Autor relativ unbekannt ist und man sich selbst erst einmal darüber klar werden muss, was man davon eigentlich halten soll. So ist es mir auch beim Lesen von “Mister Sandman” von Barbara Gowdy ergangen. Der Roman der kanadischen Autorin kontrastiert die recht unscheinbare Familie Canary von bizzar bis realistisch.
Farblos, langweilig, fad erscheint ihr Zusammenleben, bis eine Wende in ihrem Leben zum Katalysator oder eher Initiator wird.Die Wiedergeburt der kleinen Joan. Ein bildschönes Kind, das von Jung und Alt bedingungslose Liebe erfährt. Und das obwohl sie, wie die Ärzte es nennen, einen Hirnschaden hat. Von nun an nehmen Irrungen und Wirrungen ihren Lauf: Joan ist der jüngste Spross der Familie und wird-da die Geschichte in den fünfziger Jahren spielt-aus Schicklichkeit nicht von ihrer leiblichen Mutter, sondern von ihren Großeltern großgezogen. Um die Schwangerschaft unbemerkt zu lassen, entschließt die Mutter (der Vati wird dann später auch irgendwann mal eingeweiht), dass Mutter und Tochter zu einer altersschwachen Tante nach Vancouver reisen und erst nach der Geburt wieder in Toronto das Baby als eigenen Nachkömmling präsentieren werden. Gesagt, getan. Denn, die leibliche Mutter ist die erst fünfzehnjährige Sonja, die wohl sowas wie einen one-night-stand hatte, wie sie selbst später feststellt.
Sehr zum Verblüffen ihrer richtigen Schwester Marcy, die nymphomanische Züge hat.Denn sie ist einziges Familienmitglied, die nichts von der Mutterschaft ihrer Schwester Sonja weiß und auch nichts ahnt, da ihre stark adipöse Schwester mit ihren zwanzig selbstgestrickten Stoffdackeln hinter dem Mond zu leben scheint. Sonja hingegen sieht sich als “die geborene Karrierefrau”, da sie mit einer unstillbaren Leidenschaft Haarklemmen für eine örtliche Firma sortiert und auf Anraten ihrer Mutter alles für schlechte Zeiten beiseite legt. Na ja und schlicht und ergreifend hat die Familie auch irgendwie vergessen Marcy einzuweihen. Kann ja auch mal passieren. Wem ist das nicht auch schon in so trivialen Angelegenheiten passiert? Alleine diese beiden fiktiven Figuren würden mit ihren schonungslosen und intimen Einblicken dem Leser schon ein Schmunzeln oder zumindest ein Kopfschütteln abverlangen. Schwanken die Charaktere doch immer irgendwo zwischen dem Absurden und der Normalität.
Jedoch vermag die Autorin den Leser zusätzlich mit dem Thema Sexualität zu locken. Oder eher zu schocken. Denn inmitten dieser trügerischen Familienidylle entpuppt sich das eingefahrene Eheleben der Canarys als Doppelleben; Vater Gordon und Mutter Doris sind beide homosexuell, aber natürlich-wie sollte es auch anders sein-wissen beide nichts von den Vorlieben des jeweiligen Partners. Ganz zu schweigen eine von den Mädchen. Einzige Eingeweihte und somit Person bei der alle Fäden zusammenlaufen ist ausgerechnet die kleine Joan, um die sich in “Mister Sandman” alles zu drehen scheint. Dem kleinen Genie, die hochsensibel auf Geräusche reagiert und diese in gekonnter Echolalie wiedergibt, Frequenzen wahrnehmen kann die anderen Menschen verborgen bleiben und wie Mozart über ein absolutes Gehör verfügt. Die aber durch beschädigte Gehirnareale weder sprechen noch schreiben kann und physisch im Stadium einer Sechsjährigen verweilt. Ausgerechnet ihr offenbaren alle Familienmitglieder ihre intimsten Geheimnisse, jüngste Erlebnisse und tiefsten Sehnsüchte. Sie stellt auf groteske Weise das Verbindungsglied zwischen den parallel geführten Leben ihrer Liebsten da. Und führt auf höchst eigenartige Weise die diversen Fäden dieses verwobenen Familiengeflechts zusammen.
“Mister Sandman” ist ein unerwartet fesselndes Buch. Jeder Figur wird trotz dem vermeintlichen Fokus auf Joan ausreichend Platz geboten ein umfassendes Bild von sich zu geben, ohne wirklich jemals Gründe oder Rechtfertigungen für Handlungsweisen und Verhalten zu fordern. Interessiert wie der Nachbar hinter der Gardine beobachtet man das Geschehen aus der Distanz und ist doch inmitten der prekärsten Situationen. Die Schonungslosigkeit mit der Barbara Gowdy ihre Charaktere seziert, jedoch niemals bloßstellt, höchstens Mitleid erzeugt, ist beeindruckend und lässt auf ihr Einfühlungsvermögen schließen. Nichts ist wie es scheint. Normal ist undefinierbar.
Lesenswert!

Mister Sandman - Barbara Gowdy
Fischer Taschenbuch Verlag 1998
16,90€, 284 Seiten
JANET FITCH - Paint It Black (Hörbuch)
26. März 2010

Josie kommt aus ärmlichen Verhältnissen, kann sich aber aufgrund ihrem Äußeren in Los Angeles durch Modellstehen oder Schauspielern über Wasser halten. Bei einem ihrer Jobs lernt sie den sensiblen Michael kennen und die beiden verlieben sich ineinander. Obwohl sie aus extrem unterschiedlichen Schichten (Michaels Mutter ist eine berühmte Konzertpianistin, sein Vater ein anerkannter Journalist) stammen und trotz aller Vorbehalte von Michaels Mutter, ziehen die beiden zusammen und schlagen sich fortan ohne Unterstützung mit kleinen Jobs durch. Doch Michael mag Josies von sich selbst eingenommenen Künstler-Freunde und ihre Kontakte zu ehemaligen Freunden in der Punk-Szene nicht. Eines Tages packt er seine Sachen, um an etwas zu arbeiten…und soll nie wieder zurück kommen - alles was Josie bekommt ist ein Anruf von der Polizei - Michael hat sich umgebracht.
“Panik It Black” von Janet Fitch beginnt mit dem Anruf der Polizei und deckt erst nach und nach die Beziehung und die Probleme des jungen Paares auf. Dabei schmückt die Autorin die Szenen sehr ausführlich aus und bebildert so die Umgebung und Begebenheiten sehr lebhaft und macht es einem Leicht in die Kunstszene von Los Angeles um 1980 einzutauchen.
Dabei hilft einem die Stimme von Anna Thalbach und ihre schauspielerische Leistung, für die sie zurecht 2008 mit dem Deutschen Hörspielpreis ausgezeichnet wurde. Zu Beginn wirkt ihre raue Stimme etwas gewöhnungsbedürftig, doch wenn man die Charaktere von Josie und auch Michaels Mutter erstmal kennengelernt hat, kann man sich keine bessere Besetzung vorstellen. Sie gibt diesen jeweils ihre eigene Note und schafft es, dass man sich nicht wie der Hörer einer Lesung sondern ein Beteiligter der Szene fühlt und somit die ganzen 464 Minuten (auf 6 CDs verteilt) verschlingt.
Janet Fitch wurde durch ihr Buch “Weißer Oleander” bekannt, “Paint It Black” steht dem nichts nach und soll demnächst auch verfilmt werden. Wer lieber seine eigene Fantasie bemüht, bekommt mit dem Hörbuch eine schöne Vorlage zum versinken in eben dieser.

Janet Finch - Paint It Black
Genre: Lesung
Sprecher: Anna Thalbach
Redaktion: Thomas Krüger
Produktion: Lübbe Audio 2007
Dauer: 6CDs, 465 Minuten/72 Tranks
ISBN: 978-3785733776
OLIVER USCHMANN - Fehlermeldung
17. März 2010

“<Mann-sein> ist kein Fluch…es ist irgendwie bloß <dumm gelaufen>. Laufen sie nicht länger dumm mit!”
(Ingo Naujoks zu “Fehlermeldung” von Oliver Uschmann)
Ein Buch für Frauen und Männer gleichermaßen hilfreich, obwohl es zunächst eindeutig an das mit dem XY-Chromosom ausgestattete Wesen gerichtet scheint. „Der Mann und seine Krisen“ heißt es da auf dem Buchdeckel kleingedruckt. Groß darüber prangt der Titel von Oliver Uschmanns neuem Buch „Fehlermeldung“.
In dem Buch geht es folgerichtig um den Mann und seine oft sonderbar anmutenden Eigenheiten. Mit Scharfsinn analysiert Herr Uschmann Männer anhand fünf prototypischer Exempel, die sich einzig in unausgesprochenen Sehnsüchten und in dem Gefühl etwas verpasst zu haben nicht differenzieren.
Um nur zwei von fünf Kindern beim Namen zu nennen gibt es da Bernd der immer wieder eine Regression zum Infantilen durchlebt und mit seinem unbedingten Drang zur Paar-Existenz sich selbst aufgibt. Ihm gegenüber gestellt ist Manuel, sein bester Freund, der seines Zeichens Sohn, Mediziner um seines Vaters Willen und finanziell abhängig von seinen Eltern ist. Eine Gegenüberstellung die so trivial wie lustig ist.
Oliver Uschmann geht in „Fehlermeldung“ klar strukturiert vor. Es folgt eine Analysierung der Fehler anhand des jeweiligen Prototyps, eine sich anschließende (Versuchs)-erklärung („Warum ist das so?“) und darauffolgenden Ratschlägen sich aus gewohnten Denk-und Handlungsmustern befreien. Besonders gelungen ist im hierbei die Analyse der Männerwelt. Kein Leser wird darum herum kommen den einen oder anderen Charakterzug oder gar Prototypen in den eigenen Kreisen wiederzufinden. Fortan vergleicht man beim Lesen Freunde, Familienmitglieder und natürlich verflossene Liebschaften mit den fiktiven Mannsbildern und schmunzelt unweigerlich bei den vielen unübersehbaren Parallelen. Die Ratschläge die unter „Fehlerbehebung“ erteilt werden sind “kurz, präzise und nachvollziehbar” und auch als Frau vermag man in Zukunft den einen oder anderen Tipp umzusetzen. Einzig die „Warum ist das so“-Passagen unterbrechen dann und wann den Lesefluss, da man sich auf diese manchmal erst einlassen muss. Es ist der dann abrupte Wechsel der das Interesse eigentlich mehr fördern sollte, dann aber durch psychoanalytische Erklärungsansätze wie die „Transaktionsanalyse“ von Berne zunächst befremdend wirkt, sollte man mit diesen nicht übereinstimmen. Interessant sind diese kleinen Exkurse nichtsdestotrotz.
Ein humorvolles Buch das zum unbeschwerten Lachen und sinnieren über die Männerwelt einlädt. Den kaufwilligen Männern sei hiermit viel Spaß beim Reflektieren mit diesem Ratgeber gewünscht. Den Frauen sei gesagt: Kaufen! Zu Ostern! Und zur Not einfach vor dem Schlafengehen ganz laut vorlesen…

Oliver Uschmann, Fehlermeldung, Der Mann und seine Krisen
Verlag Gütersloher Verlagshaus, 2009
255 Seiten, gebunden
€ 16,95
ISBN 978-3579068961
ANONYMOUS - Das Hörbuch Ohne Namen (Hörbuch)
16. März 2010

“Jeder, der dieses Hörbuch hört, stirbt.
Doch nur, wer es hört, weiß, warum”
(Anonymous)
Auf dem Bedroomdisco Bookshelf steht ein Hörbuch. Wie es dahingekommen ist keine Ahnung, wer es gemacht hat keine Ahnung, wie lange ich noch leben werde keine Ahnung. Ja ich meine es ernst! . Denn der Autor des Buches ist “Anonymous”, der Titel das “Hörbuch ohne Namen” mit dem lebensbejahenden Untertitel: “Jeder der dieses Hörbuch hört, stirbt. Doch nur, wer es hört , weiß,warum”. Hm, da ich nun aber zu den wenigen Überlebenden zähle und die Prophezeiung an mir abgeprallt ist wie ein Vogel an der Glasscheibe, kann ich nun berichten, als exklusive Zeitzeugin. Wuhuuu.
Versetze dich in die düstere Ganovenstadt Santa Mondega, dort geht es rau und gefährlich zu. Und über der Stadt schwebt das Damoklesschwert einer ewigen Sonnenfinsternis und einem Blutbad sondergleichen. Denn in Santa Mondega ist ein Mörder namens “The Bourbon Kid” unterwegs. Er ist wie viele andere Protagonisten im “Hörbuch ohne Namen” dem Diamenten „Auge des Mondes“ hinterher. Jener verleiht einem nämlich unglaubliche Macht, ähnlich wie der Ring im Meisterwerk Herr der Ringe. Und diese Macht lockt nicht nur Menschen, sondern auch Kreaturen jenseits von Sonnenschein Zombies, Vampire, Untote lecken im wahrsten Sinne des Wortes blut- bei der Jagd geht es also heiß her.
Die Story ist blutrünstig, ohne Frage. Gewaltschilderungen reißen nicht ab, brutal geht es zu und der anonyme Schreiber scheut sich nicht dies auf dem Silbertablett zu präsentieren. Ebenso wie die fiesen, zum Teil typisch- chauvinistischen Ganovensprüche. Schnell erinnert das Ganze an Quentin Tarantino-nur ist es weniger meisterhaft, wirkt zu gewollt irgendwie und mir auf Dauer “Much too much, too much too much”. Wer aber auf diese Genremischung aus Horror, Fantasy,Wildwestposse und so weiter generell steht, diese(r) kann dem Plot vielleicht etwas abgewinnen!
Abgesehen von der Trashstory, die eigentlich gar keine sein möchte, ist die Herangehensweise des Sprechers, des deutschen Schauspielers Stefan Kaminski recht interessant. Denn dieser besitzt die Gabe des “Stimmenmorphings”, das heißt er kann die verschiedensten Stimmen imitieren, von einer Frau bis zum Zombie. Von solch einer Leistung bin ich natürlich beeindruckt, dadurch wirkt die ganze Geschichte natürlich viel authentischer und ich habe das Gefühl Kaminski (er)lebt die Story. Trotzdem, ich muss es zugeben, geiles Stimmenmorphing hin und her irgendwann geht mir selbst das auf die Nerven und Desinteresse macht sich breit. Ich bin aber der Meinung, wer solche Stories mag, der mag das Hörbuch. Also etwas ernüchtert und total untot lautet das Fazit: 3 von 5 Bedroomdiscokugeln.
Oh das Telefon klingelt. “NEIN, ich habe keinen Sarg bestellt.” Tz, Sachen gi… ____________________________

Anonymous - Das Hörbuch Ohne Namen
Genre: Lesung
Sprecher: Stefan Kaminski
Regie: Kerstin Kaiser
Produktion: Lübbe Audio 2009
Dauer: 4CDs, 271 Minuten/ 45Tracks